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 15.9.2011 Interview Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH, Direktor der österr. Zweigniederlasung des Cochrane Instituts, Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie an der Donauuniversität Krems
Focus Patient: Herr Prof. Gartlehner, Sie sind neben Ihrer Tätigkeit als Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie an der Donauuniversität Krems Direktor der kürzlich eröffneten österr. Zweigniederlassung des Cochrane Instituts. Was ist das Cochrane Institut, womit beschäftigt es sich bzw. was ist das Ziel?
Gartlehner: Wer krank wird und medizinische Hilfe sucht, will die bestmögliche Behandlung. Doch welche Behandlung ist die Beste? Welche Arznei wirkt, welche Nebenwirkungen treten auf? Und aus Sicht der PatientInnen: Wem kann ich glauben? Die extrem schnellen Fortschritte in der Medizin, die große Zahl an Studien und die Komplexität klinischer Fragestellungen machen es für ÄrztInnen und PatientInnen gleichermaßen schwierig, den Überblick zu behalten und die entscheidende Frage "Was hilft meinen PatientInnen am besten?" zu beantworten; hier setzt die Arbeit der Cochrane Collaboration an.
Die Cochrane Collaboration ist ein weltweites Netzwerk von Wissenschafterinnen, das mit seiner Arbeit einen entscheidenden Beitrag dazu leistet, dass Therapien fundiert bewertet werden können und somit die bestmöglichen Behandlungen gewählt werden. Haupaufgabe der Cochrane Collaboration ist die Erstellung, Verbreitung und Aktualisierung von systematischen Übersichtsarbeiten (Cochrane Reviews). Diese systematischen Übersichtsarbeiten werden in der Datenbank The Cochrane Library unter http://www.thecochranelibrary.com/ veöffentlicht und bieten Akteuren im Gesundheitswesen eine unabhängige, wissenschaftlich fundierte Informationsgrundlage, um den aktuellen Stand der klinischen Forschung in kurzer Zeit objektiv beurteilen zu können. Systematische Übersichtsarbeiten (Cochrane Reviews) fassen alle Studien und Forschungsergebnisse zusammen, die für eine bestimmte therapeutische Fragestellung relevant sind.
Österreich war bis vor kurzem eines der wenigen westlichen Länder, in denen die Cochrane Collaboration noch nicht vertreten war. Seit Dezember 2010 ist die Cochrane Collaboration nun auch in Österreich - in Form der Österreichischen Cochrane Zweigstelle - vertreten.
Focus Patient: Wie wird das Cochrane Institut finanziert?
Gartlehner: Die Österreichische Cochrane Zweigstelle wird durch eine Förderung des Niederösterreichischen Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS) und mit Unterstützung durch die Donau-Universität Krems finanziert. Die Cochrane Collaboration in England ist als gemeinnützige Einrichtung registriert und eingetragen. Der Gewinn aus der Cochrane Library wird für die Untehaltung des zentralen Sekretariats, für Reisekosten, für das Steuerungs-Gremium und die Paientenvertreter sowie für zentrale Projekte verwendet, die für eine professionelle Arbeit nötig sind (z. B. Entwicklung der Websites für die Cochrane Review Groups, Zentren und Zweigstellen). Zentren, Zweigstellen sowie Cochrane Review Groups müssen sich um eigene Finanzierung bemühen, die nicht aus kommerziellen Quellen stammen darf. Dadurch wird die Neutralität der Cochrane Collaboration sowie die Vermeidung von Interessenskonflikten gewährleistet.
Focus Patient: Wer kann sich an das Cochrane Institut wenden?
Gartlehner: An die Östereichische Cochrane Zweigstelle (ÖCZ) können sich ÄrztInnen und WissenschafterInnen wenden, die Interesse an der Erstellung systematischer Übersichtsarbeiten zu einem bestimmten medizinischen Thema haben und diesbezüglich Unterstützung suchen.
Focus Patient: Im Zusammenhang mit Patienteninformation wird von Evidenzbasierter Medizin gesprochen. Was bedeutet Evidenzbasierte Medizin?
Gartlehner: Evidenzbasiere Medizin (EbM) bedeutet das Einbeziehen des besten verfügbaren Wissens bei klinischen und systemischen Entscheidungen im Gesundheitssystem. Die Praxis der EbM bedeutet also die Integration individueller, klinischer Expertise mit der bestverfügbaren externen Evidenz (dem besten verfügbaren Wissen) aus systematischer Forschung. Unter individueller klinischer Expertise verstehen wir das Können und die Urteilskraft, die ÄrztInnen durch ihre Erfahrung und klinische Praxis erwerben. Mit bester verfügbarer externer Evidenz meinen wir klinisch relevante Forschung, oft medizinische Grundlagenforschung, aber insbesondere patientenorientierte Forschung zur Geauigkeit diagnostischer Verfahren, zur Aussagekraft prognostischer Faktoren und zur Wirksamkeit und Sicherhei therapeutischer, rehabilitativer und präventiver Maßnahmen.
Focus Patient: Wer soll Ihrer Ansicht nach in Österreich PatientInnen bzw. medizinische Laien informieren?
Gartlehner: So wie in den meisten westlichen Ländern muss hier die öffentliche Hand Verantwortung für eine objektive und interessenskonfliktfreie Information sorgen. In vergleichbaren Ländern wie z. B. Deutschland, England oder USA ist dies schon längst der Fall. In Deutschland z. B. wird durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), das öffentlich finanziert ist, unabhängige Information für PatientInnen und BürgerInnen erstellt. In Österreich sind wir davon leider noch sehr weit entfernt, die Erstellung von Informationsmaterialien wird bei uns noch zur Gänze der medizinischen Industrie und Interessensverbänden überlassen - mit allen damit einhergehenden Nachteilen für PatientInnen und medizinische Laien.
Focus Patient: Welche Qualitätskriterien spielen bei Patienteninformation eine Rolle?
Gartlehner: Es gibt internationale Standards wie Patienteninformation erstellt werden soll, z. B. vom UK General Medical Council. Wichtige Eckpunkte dabei sind, die ausgewogene Darstellung von Vor- und Nachteilen einer Intervention oder Untersuchung und die verständliche Darstellung vom zu erwartenden Nutzen und den Risiken für Nebenwirkungen und Schaden. Solche Informationsmaterialien sollten in Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Journalisten erstellt werden, damit sie für die allgemeine Bevölkerung verständlich und lesbar sind.
Focus Patient: Medizinische Laien suchen nach Informationen vermehrt im Internet. Wie können Laien bei dieser Suche nach objektiven Informationen unterstützt werden?
Gartlehner: Das Internet bietet eine unüberschaubare Menge an Information. Für den einzelnen ist es meist nicht nachvollziehbar wie verlässlich und qualitativ hochwertig einzelne Webseiten sind. Es ist daher auch hier unumgänglich, dass PatientInnen und medizinische Laien Zugriff auf Webseiten haben, von denen sie ausgehen können, dass sie Information ohne Interessenskonflikte bieten. In Deutschland z. B. wird dies durch IQWIG erreicht, in England durch Webseiten des National Instituts for Clinical Excellence (NICE), in Österreich gibt es leider auch dahingehend sehr wenig. Ein vielversprechendes Pilotprojekt, das durch das Land Niederösterreich finanziert wird, ist jedoch Medizin-transparent (http://www.medizin-transparent.at/). MitarbeiterInnen des Departments für evidenzbasierte Medizin und klinische Epidemiologie der Donau-Universität Krems überprüfen den Gehalt von Artikeln zu medizinischen Themen in Tageszeitungen auf wissenschaftliche Korrektheit. Die Ergebnisse werden in kurzer und leicht lesbarer Form auf die Website gestellt. Dadurch soll medizinischen Laien möglich gemacht werden, eine informierte Entscheidung zu bestimmten Behandlungsmethoden oder Therapien treffen zu können.
Focus Patient: Herzlichen Dank!
Kontakt: Österreichische Cochrane Zweigstelle Donau-Universität Krems Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie Dr.-Karl-Dorrek-Straße 30 3500 Krems Österreich Tel: +43 (0) 2732 893 2910 Fax: +43 (0) 2732 893 4910 Web: http://www.cochrane.at/
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Letzte Aktualisierung: 14.10.2011
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